© Zaia Alexander

Antje Rávik Strubel

Vom Überschwärmen der Grenzen

Schon als Studentin war ich von einem Theaterstück angezogen, das mich mit jedem Lesen wieder neu fesselte und überwältigt zurückließ, ohne dass ich es gänzlich hätte entschlüsseln können: „Penthesilea“ von Heinrich von Kleist. Ich kannte kein anderes Stück, das so beunruhigend, so rätselhaft, so unheimlich war. Abgesehen von der geheimnisvollen Figur der Robin in Djuna Barnes‘ Roman „Nachtgewächs“ kannte ich auch keine Frauengestalt in der Literatur, die so kriegerisch entfesselt auftrat und am Ende die Grausamkeit selbst verkörperte; Robin in Gestalt eines riesigen schwarzen Hundes, Penthesilea in Gestalt einer rasenden Hyäne. Keine der Interpretationen, die ich zu Kleists Stück las, waren befriedigend. Zu oft krankten sie, wie mir schien, daran, dass wichtige Elemente des Textes verkannt oder verkompliziert oder einfach übergangen wurden. Der Schatz dieses Stückes war in meinen Augen nicht gehoben. 
Vor kurzem hatte ich die Gelegenheit, es erneut zur Hand zu nehmen. Die Salzburger Festspiele wagten sich an eine Inszenierung dieses selten gespielten Stückes und erbaten einen Begleittext von mir. Einen Sommer lang vertiefte ich mich mit detektivischer Neugier in Kleists Trauerspiel über die sagenhafte Amazonenkönigin.

Gleich zu Anfang sprang mir etwas ins Auge, worauf ich zuvor nie geachtet hatte: Auch die griechischen Helden sind zunächst vollkommen verwirrt. Mitten in ihrem Krieg gegen die Trojaner werden sie völlig unerwartet von einer unbekannten, gewaltigen Kraft überrollt, die mit ihrem aktuellen Krieg nichts zu tun hat. Eine „Hyäne, die blind-wütende“ sehen sie heranstürmen. Aber wen, fragen sie sich, sehen sie eigentlich? Wer ist diese Person, die da mit ihren Leuten heranstürmt „wie Wetterstrahl“, „wie Wassersturz“? Bei den Griechen, die wie Fußballkommentatoren am Spielfeldrand den ersten Zweikampf zwischen Penthesilea und Achill live an uns Zuschauer*innen übertragen, scheint Unklarheit über Penthesilea und ihr Anliegen zu herrschen. „Niemand kann, was sie uns will, ergründen?“ Große Verwirrung unter den heldischen Griechen. Ratlosigkeit. Auch zu Penthesileas Äußerem sind ihnen kaum verlässliche Informationen zu entlocken, abgesehen vom lockigen Haar und der Kleidung aus Löwen-und Schlangenhaut. Ist sie echt? Ist sie verkleidet? Eine Frau? Weiblich? Ist sie eine weiße Frau? Oder eine schwarze? Eine Butch? Königin in Drag?

Statt sachdienlicher Hinweise nur Fantasien und Gefühliges. Die Live-Übertragung fixiert die Kriegerinnen aus den „scyth’schen Wäldern“ in Stereotypen: Die Griechen versehen Penthesilea und ihr Amazonenheer mit Attributen des Wilden, Irrationalen, Naturhaften; Attribute, die seit jeher dem Abweichenden, dem der eigenen Kultur Fremden zugeschrieben werden. Ohne genauer hinzuschauen (oder ist es der Entfernung geschuldet?), stilisieren sie die Kriegerinnen als ungebändigte Naturwesen, ergehen sich in Wasser- und Tiermetaphern, von der Dogge bis zur Hyäne, und entwerfen in ihren Kommentaren idealisierte weibliche Körper mit möglichst kleinen Händen und Füßen und „rosenblütnen Wangen“. Soviel imaginierte Weiblichkeit verstellt die Sicht! Klar, dass Odysseus da ratlos der Unterkiefer runterklappt. „Bevor wir wissen, was sie von uns wollen, noch überhaupt nur, ob sie uns was wollen?“, hat man Wichtigeres zu tun, als sich „mit diesen Jungfraun hier … einzulassen“: Krieg führen ist schließlich ein ernstes Geschäft. Und ein männliches.

Dass die Amazonen das auch tun, dass sie nicht mit irgendeinem Spiel befasst sind, sondern einen Krieg führen, um die Schönsten der Soldaten zu kidnappen und mit nach Hause zum Rosenfest nehmen, scheint den Griechen zunächst zu entgehen. Dabei ähneln sich die Gründe für den Krieg: geht es bei den Griechen um Frauenraub (Helena), geht es bei den Amazonen um Männerraub (Achills & anderer Samenspender). Penthesileas Art der Kriegsführung ist der Partisanenkampf. Das aber ist kein Grund, das Kriegsgeheul misszuverstehen; der Partisanenkampf dürfte auch den Griechen vertraut sein. Odysseus selbst ersinnt die Strategie, Penthesilea an der Dardanerburg einen Hinterhalt zu legen. Und die Kriegserklärung Penthesileas ist sogar für eine so unkriegerisch eingestellte Schriftstellerin wie mich unmissverständlich. Sie wird „aus Köchern… die Antwort übersenden“. Dennoch begreift das „keiner in dem ganzen Griechenlager“?

Den Menschen vor lauter Weiblichkeitsstereotypen nicht zu sehen, ist das eine. Aber dass die Griechen ein Handeln für irrational halten, das dem eigenen spiegelbildlich entspricht (sogar die Herrschaftssysteme ähneln sich), ist selbst so irrational, dass die Gründe tiefer liegen müssen. Aufschluss gibt vielleicht eine Bemerkung Odysseus‘: „Soviel ich weiß, gibt es in der Natur Kraft bloß und ihren Widerstand, nichts Drittes.“ In der Natur des Odysseus existiert nichts jenseits des Entweder/Oder. Kraft und Gegenkraft. Der Schauplatz der Kommentatoren ist ein Terrain, auf dem das eine nur existiert, weil es das andere ausschließt, Mannschaft und Gegner, was auch zwei, einander ausschließende Geschlechterpositionen erzwingt: Der Mensch kann nur entweder Mann oder Frau sein, nie beides zugleich (aber auch nicht nichts dergleichen).

Und da taucht plötzlich ein Wesen auf, bei dem es sich biologisch zwar um eine Frau handeln mag, die aber mit ihrer einen Brust, der Löwenhaut und ihrem kriegerischen Aufzug und Gebahren die Ordnung von Mannschaft und Gegner ordentlich durcheinanderbringt. Kleist entschied interessanterweise, die Amazonen nicht der geläufigeren antiken Überlieferung gemäß mit zwei Brüsten zu bestücken, sondern, der Ethymologie des Wortes ‚a- mazos‘ = brustlos folgend, mit nur einer.  

Penthesilea ist offenbar nicht Frau genug, noch ausreichend Mann, um ihrem Erscheinen jene traumatisierende Verwirrung zu nehmen, die beim Überschwärmen fixer, kategorischer Grenzen entsteht. (Diese heißeste aller Verwirrungen, wenn sich nicht sagen lässt, welchen Geschlechts ein Mensch ist, der unbedingte Drang, ihn zuzuordnen!) Achill erklärt es später so: „Was er im Weltkreis noch, solang er lebt, mit seinem blauen Auge nicht gesehn, das kann er in Gedanken auch nicht fassen.“ Und: Was gedanklich nicht zu fassen ist, lässt sich schwerlich sehen.

Achill jedoch muss gar nicht erst lange hingucken; schon ist er entzündet. „Was mir die Göttliche begehrt, das weiß ich“. Der erste Zweikampf wirft ihn so aus der Spur, dass er der Sprache kaum noch mächtig ist. Kurzerhand kündigt er jedes angemessene Verhalten auf. Der ganze wichtige Krieg der Griechen wird ihm egal: „Wenn die Dardanerburg…versänke…so dass ein See… an ihre Stelle träte… So wär’s für mich gerad soviel, als jetzt.“

Was aber wirft Achill so aus der Spur? Was macht ihn so an? Wen sieht er eigentlich vor sich? Eine Frau, die sich verkleidet hat? Penthesilea trägt Löwen-und Schlangenhaut am Leib. Löwe und Schlange; männlich und weiblich konnotierte Häute überziehen ihren Körper. Interessanterweise ist von „Haut“, nicht von „Leder“ die Rede; was die gebräuchlichere Formulierung für Kleidungsstücke wäre. Ihre Brust ist männlich und weiblich zugleich. Penthesilea besitzt körperliche Kraft, kriegerische Intelligenz und Schönheit. Ihr Körper scheint also für beide Geschlechter offen zu sein. Er ist ein Körper im Übergang, ein Transkörper.

Ihren Gefühlen tut das keinen Abbruch. Als Achill in einem Anfall der Verklärung meint, die lieblichen (weiblichen) Gefühle lagerten in den Brüsten, und um ihren Verlust fürchtet, weil Penthesilea nur eine Brust hat, klärt sie cool die Lage: „Sei ganz ruhig“; der linke Busen sei noch da, und darunter schlage das Herz, bekanntlich der Sitz der Gefühle. An Herzen hat auch er nur eines. Um ihre Gefühle muss er sich also keine Sorgen machen. Sie sind ebenso heiß wie seine und nicht weniger echt.

Dass Leidenschaft soziale und moralische Grenzen sprengt und zur Selbstzerstörung führen kann, war schon zu Kleists Zeiten nichts Neues mehr. Achills Leidenschaft wird allerdings, und das ist neu, von einer Person mit deviantem Körper ausgelöst. Achill begehrt einen Menschen, der nicht nur von der üblichen Geschlechterrolle, sondern vom Entweder/Oder des Odysseus abweicht. Die Abweichung betrifft mehr als die Rolle, sie betrifft auch Psyche und Körper.

Penthesileas kriegerischer Aufzug ist keine Maskerade. Sie ist nicht losgeritten, um dem erjagten Lover dann ihr wahres Ich zu offenbaren; die Ehefrau, die ihm nach Hause folgt (Achills fatales Missverständnis). Ihrer biologischen Weiblichkeit ist Männlichkeit vielmehr auf den Leib geschrieben. Ihr Körper ist durch Kampf und den Erfodernissen des Kampfes entsprechend geformt. Die männlichen Rollen, die sie mit diesem Transkörper belebt, formen ihre königliche Identität, damit sind ein Staat, soziales und politisches Leben verknüpft.

So ähnlich funktioniert das übrigens auch bei Achill: die Körper der Helden sind bewusst geformt, sie beleben männliche Rollen, die Teil ihrer Identität als Stütze des Staates werden. Beide Staaten, der Griechen- wie der Amazonenstaat, funktionieren interessanterweise ähnlich. Auch der Amazonenstaat gründet auf Gewalt. Sein Gesetz wird wie in jedem patrilinear angelegten Gemeinwesen vom geistigen Vater installiert und symbolisiert, hier vom Kriegsgott Ares, Penthesileas Vater. Folgerichtig sind die Priesterinnen, Ares‘ Handlanger, auch so darum bemüht, Penthesilea in eine Weiblichkeit gekleidet zu sehen, die sich keinen Deut von der Vorstellung der Griechen von Weiblichkeit unterscheidet: „So sittsam!“ „So reizend, wenn sie tanzte, wenn sie sang…Und flötete“.

Die Herrschaft wird zwar matriarchal von der Mutter an die Tochter übertragen. Da sie aber in der Dienstbarkeit eines männlichen Gottes stehen, ist das Herrschaftssystem wie bei den Griechen organisiert, nur mit vertauschten Rollen (im Amazonenstaat haben die Männer in ihrer Reduktion auf die Fortpflanzung die Rolle der griechischen Frauen).

„Ist’s meine Schuld, daß ich im Feld der Schlacht / Um sein Gefühl mich kämpfend muß bewerben?“ klagt Penthesilea. Das könnte, nach einem Tausch der Pronomen, so auch ein Grieche sagen, der sich um die Gunst einer Frau bewerben muss; nicht aus eigener Schuld, sondern weil es Usus ist, Teil des patriarchalen Gesetzes, dessen Macht das Soziale, Kulturelle und Politische durchdringt. Penthesileas Männlichkeit am biologisch weiblichen Körper leitet sich vom gleichen System ab. Ihre Männlichkeit ist ebenso ernst gemeint und gemacht wie die der Griechen. Nur erscheint die Beziehung zwischen Macht und Männlichkeit bei den Griechen „natürlich“, weil sie als biologische Männer diese Macht verkörpern.

Vielleicht ahnte Kleist bereits, dass dieses Natürliche ein Effekt ist. Der Effekt einer pausenlosen Stilisierung des Körpers durch Akte und Gesten, die innerhalb eines streng regulierenden Rahmens wiederholt werden, bis sie erstarren und den Schein des Natürlichen hervorrufen.1 Kleist kämpfte mit dieser Ahnung. Seiner geliebten Halbschwester Ulrike, die in Männerkleidern auf Reisen ging, die Ehe ablehnte und sich, lebte sie heute, vielleicht als Butch bezeichnen würde, riet er in seinem Neujahrswunsch von 1800: »Amphibion Du, das in zwei Elementen stets lebet; / Schwanke nicht länger und wähle Dir endlich ein sichres Geschlecht. / Schwimmen und fliegen geht nicht zugleich, drum verlasse das Wasser«2 Kleists starkes Gefühl, “nicht unter die Menschen” zu passen, mag mit der Sehnsucht nach einer eigenen geschlechtlichen Offenheit zu tun haben, die damals in keine Sprache fand, also “mit dem blauen Auge” nicht “zu fassen” war.

Dennoch legte er die Kriegerkörper von Achill und Penthesilea parrallel an. Nicht nur haben beide die gleichen kriegerischen Fähigkeiten, dasselbe lockige Haar. Kleist beschreibt auch ihrer beider Körper als unversehrbar. Aber während Achill unverwundbar ist, ist Penthesilea unverwüstlich. Das ist ein entscheidender Unterschied. Denn das eine beschreibt die Beschaffenheit eines Körpers, das andere einen geistigen Zustand. Wer unverwüstlich ist, lässt sich nicht unterkriegen, steht wieder auf und wehrt sich. Das impliziert einen Willen, eine psychologische und körperliche Leistung. Penthesilea muss um ihren Kriegerkörper ringen, er ist nicht selbstverständlich, sondern angreifbar. Ihre Männlichkeit ist fragil. Sie muss immer wieder neu hergestellt, produziert, „geleistet“ werden.

Unverwundbarkeit hingegen kommt einem von außen zu. Dafür muss man nichts tun. Sie geht Handlung und Willen voraus. Achills Männlichkeit wird als stabil beschrieben, weil sie ihm als biologischem Mann im wahrsten Wortsinn in den Schoß gelegt erscheint. Indem nun Kleist aber beide Männlichkeiten gleich herleitet und spiegelbildlich anlegt, zeigt er nicht nur, dass es Maskulinität an unterschiedlichen Körpern gibt, sie also nicht auf den einen, biologisch männlichen Körper reduzierbar ist, sondern auch, dass diese Männlichkeit immer etwas „Hergestelltes“ ist; Spiegelung.

Das ist es, was die Helden so verwirrt: eine weibliche Männlichkeit, die ihre eigene nicht mehr natürlich erscheinen lässt. Und das Erstaunliche: Kleist hatte diese Ahnung, dass ein geschlechtlicher Körper mehr als ausschließlich männlich oder weiblich sein kann, bereits zweihundert Jahre vor Entstehen einer Reproduktionsmedizin, die den Weg in eine geschlechtslose oder geschlechtermultiple Gesellschaft bereitet, zweihundert Jahre, ehe die Hirnforschung nachweisen konnte, dass die Transformierbarkeit des Körpers in der menschlichen Biologie angelegt ist.  

Achills Begehren ist wie das Penthesileas von erschreckender Präzision. Beide begehren ein Gegenüber in einer ganz spezifischen körperlichen Präsenz. Achill begehrt die Frau mit der einen Brust im Körper aus Schlangen- und Löwenhaut. Penthesileas Begehren für Achill ist das eines Kriegers in einem Transkörper. Diese Präzision beschreibt ein differenzierteres Begehren, als es die zwei verfügbaren Geschlechtsidentitäten zulassen.3 Während Griechen wie Amazonen dem Konformitätsdruck von Gesetzen folgen, die genau vorschreiben, wer auf welche Weise wen begehren und wie begehrt werden darf, ob nun vom Kriegsgott Ares oder der Polis erlassen, „überschwärmen“ Achill und Penthesilea diese Gesetze. Achill pfeift auf seine Leute und Penthesilea stellt sich bewusst gegen Ares, weil sie keine Lust auf Heiratsvermittlung hat. Statt sich vom Kriegsgott einen namenlosen Helden fürs Rosenfest zuführen zu lassen, überschreibt sie den Gottesbefehl kühn mit dem Auftrag der Mutter: „Du wirst den Peleiden dir bekränzen“.

Sie ermächtigt sich zu ihrem eigenen gesetzlosen Begehren. Deshalb kann sie mit der gleichen aggressiven Kraft, einer ebenso kriegerisch-männlichen Leidenschaft begehren wie Achill; eine Gleichheit übrigens, die bis in die Wortwahl zur Umschreibung sexueller Wünsche reicht. Wo Achill sie „die Stirn bekränzt mit Todeswunden, / [...] durch die Straßen häuptlings mit“ sich „schleifen“ will, möchte Penthesilea ihn im »Staub sehen” und »mit Pferden häuptlings heim( ... ) schleifen«.

Die Tragik liegt wie so oft darin, einander nicht zu erkennen. Statt eines Erkennens gibt es jede Menge Täuschung. Für Penthesilea in ihrem fragilen Transkörper dürfte das Erkanntwerden so entscheidend sein wie es für Achill entscheidend wäre, zu verstehen und anzuerkennen, dass genau dieser deviante Körper  Auslöser seines Begehrens ist.

Aber als hätte er nach Verlassen des sicheren Terrains die Orientierung verloren, unterläuft ihm sofort ein Missverständnis. Im einzigen gemeinsamen Gespräch fragt er schüchtern, warum sie keine stille, weibliche Schönheit sei. „Du, die sich bloß in ihrer Schöne ruhig zu zeigen brauchte.“ Ausgerechnet Penthesilea? Da muss sich auch Achill wundern. Über das „unnatürliche“ Gesetz etwa, das sie in die Schlacht schickt; ein Spiegel des Gesetzes, dem er selbst folgt (und als natürlich gilt). „Unnatürlich“ sind für ihn die vertauschten Rollen, nicht Penthesilea selbst.

Nicht von ungefähr hat Kleist die gesamte Gesprächsszene als Rollentausch angelegt. Nur im Kontext der Täuschung, Achill besiegt zu haben, hat Penthesilea die Sprachmacht, während er zum Schweigenden, Fragenden wird. Das soziale Stereotyp der Frau, die schweigt und zuhört, während ihr der Mansplainer die Welt erklärt, kehrt sich um. Penthesilea spricht über ihre Herkunft, nennt ihren Namen. Ihre Leidenschaft fasst sie in Begriffe männlicher Eroberung aus dem alten Geschlechterkampf. Und wenn sie Achill „wie eine reife Südfrucht niederfallen“ sehen will, bedient sie sich der klebrig-machistischen Rede von der Frau als reifer Frucht, die einem Mann in den Schoß fällt, und subvertiert sie. Aber ganz klappt es doch nicht. Zum einen ist sie es, die sich erklären muss; nicht er. Zum anderen hört Achill nicht immer zu, lässt die Frau gewissermaßen plappern. Gerade an der Stelle, wo es ihr mit ihrer Herkunft ernst ist, zerstreut ihn „ihre Schöne“. „Ich war zerstreut. Vergib.“  

Der Rollentausch funktioniert nicht, weil der Tausch selbst die Täuschung ist. Nicht, weil eine Frau keine männlichen und ein Mann keine weiblichen Rollen einnehmen könnte. Sondern weil dieser Tausch das ihm zugrunde liegende Entweder/Oder der Geschlechter nur bestätigt. Damit geht er am Eigentlichen, an ihrer beider Begehren, vorbei. Solange sie nämlich in diesen Rollen stecken, ob vertauscht oder nicht, müssen sie einander zwangsläufig verfehlen. Ihr Begehren zielt jenseits einer Dichotomie der zwei Geschlechter. Deshalb liegen Tausch und Täuschung hier so nah beieinander. Deshalb ist das Stück voller Täuschungen und Missverständnisse, die in der Rezeptionsgeschichte für ähnliche Verwirrung sorgten, wie Kleist sie den Griechen andichtet.4

Die Liebenden finden sich außerhalb der Zweigeschlechtlichkeit nicht zurecht, obwohl ihr Begehren genau darauf abzielt; aber „dies Werk ist der Giganten, meine Königin“. Da hat Amazonenfürstin Meroe recht. Während Penthesilea die Getäuschte ist, unterliegt Achill der Selbsttäuschung. In leidenschaftlicher Blindheit verrennt er sich in die Aberkennung aller ihrer kriegerischen, männlichen Züge, indem er den Kampf der Amazonen „eine Grille“ nennt, ihre Pfeile nicht ernst nimmt: „Mit euren Augen trefft ihr sicherer“, ihre Worte nicht: „süß wie Silberklang straft eure Stimme eure Reden Lügen“, Penthesileas Anliegen nicht: „könnt ich auf meiner Väter Thron sie setzen.“

In Verkennung ihres Selbstverständnisses verkennt er das, was sein eigenes Begehren so erschreckend präzise entzündete; ihre weibliche Männlichkeit. Die aber würde seine eigene Sexualität problematisieren und ihn vor den Live-Kommentatoren am Rande des Schlachtfeldes in Erklärungsnot bringen. Voller Zweifel scheint auch Kleist zu fragen, ob eine biologisch weibliche Person nicht einfach Frau zu sein hat, als er seinen Achill sich in Stereotype hineinsteigern lässt. Wenn Achill sich zu „ihren kleinen Füßen niederlegen“ will, sind wir nicht nur zurück auf Anfang, beim Mainstream-Frauenbild der Griechen, sondern auch bei Kleists innerer Zerrissenheit, der trotz allem von einer Frau erwartete, dass sie „mit ihrer ganzen Seele für ihren Mann tätig (ist)” und befand, “sie gehört niemandem an, als ihrem Manne…”5

Zweimal wird Penthesilea vom Ersehnten betrogen; in Komplizenschaft mit der besten Freundin und schließlich auch um die, die sie ist: Bei seiner letzten Forderung zum Zweikampf kreuzt Achill ohne Waffen auf. Einerseits verlangt es ihn nach ihrer ganzen kriegerischen Maskulinität. Andererseits tritt er ihr gegenüber wie einer Frau. Sein Unbewaffnetsein ist nicht nur demütigend. Es ist außerdem auch sinnlos; dass sie einander küssen, nicht töten wollen, ist schon längst geklärt (und hätte Achill zugehört, wüsste er, dass die Amazonen nur auf Gefangene aus sind, die sie später wieder frei lassen). Seine Waffenlosigkeit beraubt sie vielmehr beide endgültig der Grundlage ihres Begehrens, weil dadurch Penthesileas Maskulinität rigoros negiert wird. Seiner Männlichkeit hingegen erwächst kein Schaden, er braucht keine Waffen, um sie zu performen. Er ist unverwundbar.

Wie aber kann sie ihn, den Unverwundbaren, dann überhaupt ums Leben bringen?
„Ich war nicht so verrückt, als es wohl schien.“ Stimmt. Niemand kann Achill töten, sie schon gar nicht. Sein unbewaffnetes Auftreten löscht sie schneller aus als jeder Kampf. Zwangsumgedeutet zur Frau, verschwindet Penthesilea in der imaginierten Weiblichkeit. Sie löst sich auf in die zähnefletschende Hyäne, die rasende Dogge. Nun performt sie „wahrhaftig Wort für Wort“ jene sprachlichen Bilder, die sie als animalisches Naturwesen denunzieren.

Kein Wunder, dass nicht einmal die beste Freundin Prothoe sie in jener Furie erkennt, in Gestalt derer sie nun dem entspricht, wozu sie bereits in der ersten Live-Übertragung der Griechen gemacht wurde. „Mensch nicht mehr“, denn Mensch zu sein, setzt ein Ich voraus. Sie aber ist bloß noch animalisches Imago männlicher Fantasie.

Was Achill zerfleischt (und Penthesilea umbringt), sind die Stereotype, in die sie hineingezwungen sind. Nicht der Kriegerin, sondern diesen Bildern ist die Grausamkeit zu eigen, weil sie auf kategorischem Ein- und Ausschließen beruhen. Folgerichtig ist es der Körper, der zerlegt werden muss, weil sich an ihm der binäre Geschlechterunterschied festmacht, der sich als gewaltsame Machtbeziehung konstruiert.

Diesen Krieg, von dem auch die überfällige metoo-Debatte einmal mehr handelt, beendet nur das Überschwärmen der Grenzen, das Verschwimmen der Kategorien. Nur so können die fixen Machtpositionen ausgehebelt werden; ein Gedanke, der dieses zweihundert Jahre alte Stück so grandios zeitgemäß macht. Hierarchien sind damit nicht aus der Welt. Aber sie zerstreuen sich, lassen produktive Instabilitäten zu, die den Differenzen und der Vielfalt gerechter werden, in denen wir leben könnten. Ich vermute, wir wären glücklicher so.

1 Judith Butler: Bodies That Matter. On the Discursive Limits of Sex. Routledge, 1993.

2 Heinrich von Kleist: Briefe an seine Schwester Ulrike (Hg. A.Koberstein) Berlin 1860, 161. Denkbar waren solche „unsicheren“ Wesen schon lange, die Fabelwelt war von ihnen bevölkert. Einige Jahre später schrieb Kleist, er fände sich von all seinen Figuren am stärksten in der Penthesilea wieder

3 Judith Jack Halberstam: Female Masculinity, Durham: Duke University Press, 1998. Halberstam spricht von terrifying precision und erläutert:Einen Mann zu begehren, der eine Vagina habe oder als Frau ein Mann sein zu wollen, der mit anderen Männern Sex habe, seien ziemlich präzise und lesbare Formen des Begehrens - präzise und dennoch nicht durch die Kategorien sexueller Identitäten repräsentiert, mit denen wir uns eingerichtet hätten.

4 Noch George Lukácz vermochte darin nichts als einen Ausdruck Kleistscher Monomanie zu erkennen.

5 Heinrich von Kleist: Werke und Briefe, Bd.4, 57, Berlin 1995.